Deportation und Zwangsarbeit

Anmerkung von Volker Lechler
[Der nun folgende, im Original ebenfalls handschriftlich verfasste Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sowie Durchstreichungen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird.]

Deportation u. Zwangsarbeit

von

Eugen Grosche, Berlin

Man hat in dem letzten Jahrzehnt, be-

sonders während des Krieges, immer von einer durchgreifenden

Justizreform gesprochen, die bis heute noch auf sich warten

läßt. Und doch sollte der neue Justizminister endlich einmal

das dem Volke so oft gegebene Versprechen einlösen. Außer der

dringend notwendigen Durcharbeitung des Strafgesetzbuches bedarf

vor allem das Schandkapitel der deutschen Zuchthaus- u. Ge-

fängnißpraxis einer Reform, die es auf ganz anderer, neuer

und gesunder Basis aufbaut. Einer freien, civilisierten Nation

ist die Handhabung der Zuchthausstrafe im heutigen Sinne über-

haupt nicht würdig.

Warum schreitet man nicht zur Deportation u. Zwangsarbeit

der Verbrecher bei mehrjährigen Gefängniß- u. Zuchthausstrafen? –

Zumal dochEs ist zweifellos systematisch u. tabellarisch festgestellt

worden ist, daß dasdie Zuchthausstrafe das in Frage kommende

Menschenmaterial mit wenigen Ausnahmen vollständig ver-

dirbt und für ein weiteres, in gesunden, gesitteten Bahnen

verlaufendes Leben unbrauchbar macht. Diese mit Zuchthaus

u. langer Gefängnißhaft bestraften Menschen gehen also dem

Volksaufbau meist verloren. Dieses weiß man also. Und

trotzdem können sich die maßgebenden Instanzen nicht zu

einer Änderung entschließen, weil ihnen eben die nötige

Großzügigkeit und der nötige Wille fehlt.

Es ist der Deportation von maßin

Frage kommenden Fachleuten, von Ärzten, Gelehrten,

Kolonialbeamten u.s.w. schon oft genug das Wort gesprochen,

denn die Erfahrungen, welche andere Länder, vor allem

England in Australien, mit der Deportation gemacht haben,

sind durchschnittlich gut gewesen. Auch Rußland hat

nur seiner im großen Stile durchgeführten Deportation

u. Verbannung zu verdanken, daß Sibirien den großen wirt-

schaftlichen Aufschwung genommen hat. Die Resultate der Ansiedlung waren

derartig gut, daß man später die Verbannung einschränkte,

um die freiwillige Einwanderung nicht zu hindern.

Nach der heutigen politischen Lage

u. dem Friedensschluß kommen ja allerdings unsere

Kolonien für die Deportation nicht mehr in Frage, aber

wir haben in Deutschland große, weite Landschaftenstriche

von unkultivierten Heideflächen, haben riesige Hochmoore,

die alle noch der Bearbeitung harren. Man hat be-

reits begonnen, in Oldenburg u. Hannover Kolonien

in dieser Gegend anzulegen u. diese haben alle im

Laufe der letzten Jahre sich wirtschaftlich gut ent-

wickelt u. behauptet.

Zu der Entwässerung der Hochmoore zur Urbarmachung der Heide

kann man sehr zweckmäßig Strafgefangene verwenden.

Ohne erhebliche Kosten, die jedenfalls das … Budget

für Zuchthaus- u. Gefängnißwesen nicht übersteigen,

können Unterkunftsbaracken gebaut werden, zum

Teil kann man die in den Moorgegenden bereits

bestehenden zahlreichen Zweiggefangenenlager dazu verwenden.

Die Vorarbeiten sind ja durch die bisherige Verwendung

der Kriegsgefangenen zu derartigen Arbeiten

bereits gegeben. Eine Verminderung des jetzt

sehr zahlreichen Gefängnißpersonals wäre sogar möglich

wahrscheinlich. Die Unterhaltungskosten der Unter-

kunftslager wären auch geringer als diejenigen Kosten,

die der Staat heute für seine zahlreichen Zuchthäuser

ausgibt.

Vor allem liegt ja der ideelle Vorteil

einer derartigen Verwendung von Strafgefangenen

klar auf der Hand. Schon heute kann jeder Zucht-

hausdirektor bestätigen, daß die Erfahrungen, die

er mit einzelnen Abteilungen seiner Sträflinge bei

der Abkommandierung zur Landarbeit gemacht hat,

nur günstiggute sind u. daß die Außentätigkeit auf

die Gesundheit u. den Geist der Leute äußerst

günstig einwirkt.

Der Staat kann also mit Hilfe dieser

Zwangskräfte Ländereien kultivieren u. diese zur

Ansiedlung von Kriegsverletzten u. zu der allgemein

beabsichtigten Wiederseßhaftmachung der Großstadtbe-

völkerung verwenden. Freie Arbeiter wird er zu

dieser … schwerlich bekommen. – Nebenbei erwähnt

würde sich dadurch die Torfproduktion, die ja bei

der kommenden Kohlennot infolge der Abgabe des

Saarreviers u. der Friedensvertragsverpflichtungen wichtig ist, eine

erhebliche sein wird, sehr heben u. auch mit ins

Gewicht fallen.

Es würde also dann jeder zu

einer längeren Freiheitsstrafe als 3 Monate verurteilte

Sträfling in das Heide- u. Moorgebiet deportiert.

Und zwar könnte man ja Lager verschiedener

Grade für zu Gefängniß- u. für zu Zuchthaus verurteilte

Verbrecher einrichten.

Eine weitere sehr humane u.

dem Allgemeinwohl nützliche Einrichtung würde

dann diejenige sein, daß man den Sträfling

nach verbüßter Strafe die Ansiedlungsmöglichkeit in

diesen Gebieten gibt, indem man ihm einige Morgen Land

auf 10 Jahre pachtfrei überläßt u. ihm Kapital zum

Hausbau hilft, evtl. im großen Stile angelegte

Kolonien für diese Zwecke zur Verfügung

stellt. Also das gleiche Entgegenkommen erweist,

wie man es den dort bereits angesiedelten

deutschrussischen Kriegsgefangenen bereitsgegebenzeigt hat.

Eine höhere Strafe als 10-jährige Zwangsarbeit dürfte

überhaupt nicht verhängt werden. Selbst bei

schweren Verbrechern könnte man nach fünfjähriger

ZwangsBeschäftigung in den Mooren den Versuch mit der

Ansiedelung unternehmen.

Man könnte dieses Thema ja noch viel erschöpfender

behandeln. Jedenfalls ist die Erfüllung dieser

erwähnten Forderungen der Deportation und der

Zwangsarbeit ein Weg zu einer wirklichen sozialen

u. humanen Lösung eines Problems, das im

alten monarchigen Staate nie gelöst werden

konnte, weil zahlreiche Kreise u. vor allem der

heilige Zentralismus sich dagegen wehrten.

Heute ist es eine Forderung der neuen Zeit

an die junge Republik.1

1GStA PK, Theosophische Gesellschaft, Karton 117, Bild 00013 bis 00017.