Leuchtende Regenwürmer

Anmerkung von Volker Lechler:
[Der nun folgende, im Original handschriftliche Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche verfasst. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird. Auf eine Besonderheit möchte ich hinweisen: Bei mehreren der Texte stellte Eugen Grosche einen „Dr.“ vor seinen Namen, obwohl er nicht promoviert hatte.]

Leuchtende Regenwürmer

regenwürmer_scanSchon seit Jahrzehnten beschäftigen sich unsere Naturforscher vergeblich mit der Er­gründung der Lichtsubstanz, die vielen Insektenarten innewohnt. So ist es bis heute noch nicht einwandfrei gelungen, die Beschaffenheit der Lichtsubstanzen festzustellen, die unseren, so verbreiteten Glühwürmchen, Johanniswürmchen, Gotteslichtern oder wie sie sonst im Volks­munde heissen, ermöglichen, ihr intensives Licht auszustrahlen. Es stehen sich hier verschie­dene Meinungen gegenüber.
Eine interessante Beobachtung auf diesem Gebiete hatte ich neulich in meinem Insek­tarium. Ich bemerkte des Nachts, im dunklen Zimmer, als ich an den Glaskasten des Insekta­riums herantrat, ein ganz schwaches Leuchten, das sich an der Innenseite der Glasscheibe punktweise hinzog und sich im Innern des Ameisenbaues verlor. Ich konnte bald feststellen, dass diese Punktlinien identisch mit den Hauptgängen des Baues waren. Also war es wahr­scheinlich, dass es sich um leuchtende Fäulnisschimmelpilze handelte, die sich ja leider im Insektarium oft anzusiedeln pflegen. Ich sollte aber bald eines besseren belehrt werden. Eine genaue mikroskopische Untersuchung ergab das Fehlen jeder Pilzart und ich stellte stellen­weise unzweifelhaft eine eigenartige Schleimabsonderung fest, eine organische Substanz, die nur von einem Tiere herrühren konnte. Nächtelang passte ich auf. Kamen doch allerlei ver­schiedene Arten Bewohner des Insektariums als Absonderer dieser Substanz in Frage, da sich mit den rotrückigen Waldameisen noch viele schmarotzende Bewohner im Bau aufhielten. Schnecken kamen nicht in Frage, denn dazu war die Absonderung viel zu schwach, um von schneckenartigen Tieren herzurühren und wie gesagt, auch nur mikroskopisch feststellbar.
Eines Abends erhielt ich jedoch die Lösung. Es waren zwei kleine Regenwürmer, die sich in den Hauptgängen des Baues bewegten und diese teilweise durchkreuzten. Diese beiden Regenwürmergesellen wurden nun von den Ameisen, wenn sie diesen bei ihren nächtlichen Streiffahrten begegneten, aufs heftigste angegriffen. So trugen die Würmer durch die Zangen der Ameisen zahlreiche Bissstellen davon, aus denen nun ein Sekret ausströmte, das in win­zigen Atomen eine Leuchtsubstanz enthielt. Dieser sehr interessanten, bisher so seltenen Beo­bachtung ging ich auf den Grund und stellte fest, dass tatsächlich den Schnittflächen von Ver­letzungen, die ich den Würmern beibrachte, ein Leuchten ausströmte, das allerdings nicht lange anhielt. Andere Würmer, denen ich bei den Versuchen Verletzungen beibrachte, leuch­teten nicht, sodass es sich also um einen Ausnahmefall handelt. Ich stellte also fest, dass es sich um ein leuchtendes, flüssiges Sekret der Innenorgane handeln musste. Dieser Ausnahme­fall ist umso eigenartiger, da solche selbstleuchtenden Regenwürmer bisher nur in ausser­europäischen Ländern wahrgenommen worden sind. In Afrika, Brasilien und Java gibt es Würmer, deren Leuchtkraft so stark ist, dass man bei ihrem Licht die Schrift eines Buches, das Zifferblatt einer Uhr usw. erkennen kann. Meist handelt es sich um Schleimabsonderun­gen oder Darmsubstanzen, die diese Leuchtsubstanz entwickeln. Aber im Inland hat man bei den gemeinen Regenwürmern etwas derartiges, meines Wissens nach, nicht beobachtet oder es sind derartige Fälle nur selten an die Öffentlichkeit gekommen. Meistens ergaben genaue Nachprüfungen, dass die in Frage kommenden Würmer aussereuropäischen Ursprungs waren und durch irgendwelche Zufälligkeiten eingeschleppt waren.
In China verwendet man diese Leuchtsekrete der Insekten zum Schreiben sogenannter Geheimbriefe, deren Schriftzüge nur des Nachts bei starker Dunkelheit hervortreten.
Ob die Leuchtkraft der Regenwürmer im Zusammenhang mit geschlechtlichen Funk­tionen steht oder ob sie zur Verteidigung oder Abschreckung gegen natürliche Feinde dienen soll, ist noch zweifelhaft. Bei den bekannten Insektarten, z. B. wie schon erwähnt bei den Jo­hanniswürmern, ist es Tatsache, dass die weiblichen, nicht flugfähigen Exemplare zum An­locken der Männchen über bedeutend stärkere Leuchtkraft verfügen. Ich habe stellenweise gesehen, dass Wiesenabhänge gleichsam mit tausenden von grünlichblauen Diamanten über­sät waren und dadurch ein entzückendes Bild boten. Alle diese funkelnden Diamanten waren die weiblichen Johanniswürmer, welche die im Verhältnis weniger zahlreichen, herumfliegen­den Männchen im regen Konkurrenzkampfe heranzulocken suchten.
Es ist zu bedauern, dass unser deutscher Wald nicht noch mehr solche Leuchtinsekt­arten birgt. In den Tropen sollen die nächtlichen Wälder einen überaus wunderbaren Anblick durch die zu tausenden herumfliegenden Leuchtkäfer und Nachtfalter bieten.
In Java tragen vornehme Javanerinnen als Kopfschmuck in kleinen Glaskörperchen ins Haar gesteckte Leuchtcikaden, die einen reizvollen Haarschmuck bilden.
Empfehlenswert ist es, wenn interessierende Forscher ihr Augenmerk auf dieses noch ungeklärte und noch allerlei interessante Möglichkeiten bietende Forschungsgebiet lenken.

Leuchtende Regenwürmer

Narkotisierende und erregende Pflanzen

Anmerkung von Volker Lechler:
[Der nun folgende, im Original handschriftliche Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche verfasst. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird. Auf eine Besonderheit möchte ich hinweisen: Bei mehreren der Texte stellte Eugen Grosche einen „Dr.“ vor seinen Namen, obwohl er nicht promoviert hatte.]

Narkotisierende und erregende Pflanzen.

I. Das Opium.

Eine der nur wenig bekannten, aber um so mehr bedauerlichen Folgeerscheinungen des Weltkrieges ist ausser dem allgemeinen moralischen und sittlichen Verfall der Mensch­heit, auch das immer weitere Kreise erobernde, lasterhafte, heimliche Frönen des künstlichen Betäubens des Nervensystems durch Pflanzengifte. Die Nichteingeweihten dürften erstaunt sein, wenn sie wüssten, wie weit dieses Laster im Laufe der Kriegsjahre um sich gegriffen hat. In allen europäischen Grosstädten, vor allem in Paris, London, aber auch in Berlin gibt es bereits eine grosse Anzahl heimlicher, unter verschiedenen Decknamen segelnden Clubs und Lokale, in denen dem Opiumgenuss allnächtlich gefrönt wird, in denen Damen der Gesell­schaft sich sogar ätherisieren lassen und so durch die nervenaufpeitschenden Mittel und durch die dadurch aufs höchste erregte Sinnlichkeit ihr Nervensystem in kürzester Zeit untergraben.
Es kommen für den engeren Kreis der Betäubungsmittel nur einige pflanzliche Produkte in Betracht, die meist aussereuropäischen Ursprungs sind und durch heimlichen Schmuggel in grösseren Mengen hier eingeführt werden, vor allem das Opium, das Haschisch, die Koka und gewisse Kokainpräparate.
Die schädlichen Wirkungen des überreichlichen Genusses von Tee, Kaffee, Tabak, Wein sind ja bereits bekannt und ist man im allgemeinen diesen bereits zur Lebensgewohnheit gewordenen Genussmitteln gegenüber machtlos, obwohl auch durch sie das physische und moralische Wohl durch den jahrelangen Genuss eine starke Beeinträchtigung erfährt.
Wohl aber lässt sich durch Aufklärung und immer wiederholte Warnung das Laster des Opium- und Haschischrauchens noch eindämmen, und es soll auch dieser Aufsatz diesem guten Zwecke dienen.
Das Opium ist ein Mohnpräparat und zwar von dem in Kleinasien, China, Persien und Indien künstlich angebauten weissen Mohn. Es gibt in diesen Ländern kilometerweite, um­fangreiche Kulturflächen, die nur zum Anbau der Mohnpflanze verwandt werden. Die Mohn­pflanze wird in Indien im November gesät, blüht im Februar und reift im März. Sie wird meist vollständig zur Opiumgewinnung ausgenutzt. In Indien sammelt man z. B. die Blütenblätter und bäckt diese in getrocknetem Zustande zu kleinen Kuchen, die ein begehrtes Genussmittel für die indische Bevölkerung bilden. Der wirksamste Teil der Mohnpflanze als Betäubungs­mittel ist die Samenkapsel in noch unreifem Zustande. Das eigentliche Opium selbst wird durch Anschneiden der noch unreifen Samenkapsel mittelst eines besonders dazu konstruier­ten Messers ausgeführt, mit dem Längsschnitte in die Samenkapsel gemacht werden. Aus diesen Einschnitten quillt ein blassroter, dicker Saft, der Milchsaft der Mohnpflanze, von dem sich später eine kaffeebraune dickliche Flüssigkeit absetzt. Die erstere dicke, körnige Masse wird nun während der Dauer von 3 – 4 Wochen unter stetem Umrühren im Schatten getrock­net, bis sie eine gewisse Festigkeit erlangt, und daraus werden dann die sogenannten Opium­brote zubereitet. In einer Unterlage von Mohnblumenblättern wird diese vorher abgewogene Substanz hineingedrückt und mit Mohnblumenblättern sorgfältig umhüllt. Zum Verkleben der Blätterumhüllung nimmt man die schon oben erwähnte kaffeebraune Saftabsonderung. Diese Brote werden nun wieder längere Zeit in Luft und Sonne getrocknet und nach mehreren Mo­naten sind sie versandfertig.
Das in Persien hergestellte Opium erfährt noch eine weitere Bearbeitung und gelangt in Stangenform in den Handel. Zum Rauchen wird das Opium erst noch weiter besonders zubereitet und wird in erbsengrossen Kügelchen in Opiumpfeifen geraucht. Das in fester Form eingenommene Opium bringt beinahe dieselbe Wirkung wie der eingezogene Rauch hervor. Man beginnt meistenteils mit dem Rauchen von 1 bis 1 ½ Gramm täglich. Naturge­mäss steigt der sich einstellende krankhafte Heisshunger auf Opium zu weit erheblicherem Bedarf bis zu 100 Gramm täglich.
Bei mässigem Genuss steigert das Opium in der ersten Zeit die Körperkraft und die Ausdauer zur Arbeit und hilft leicht über Durst und Hunger hinweg; aber nur zu bald folgt dieser scheinbaren Körperauffrischung eine Reaktion und der Organismus wird schnell rui­niert. Die Wirkungen des Opiumrauchens sind ungefähr folgende: Der Raucher versinkt in süsse Träume, meist sinnlichen Inhalts, er dünkt sich sehr oft gleichsam körperlos und alle seine Wünsche gehen in diesem künstlichen Traumleben in Erfüllung. Beim Erwachen jedoch zeigen sich Nachwehen, die den sogenannten Katzenjammer bei weitem übertreffen: starker Schwindel, Kopfschmerz, grosse körperliche Mattigkeit und ein allgemeines übles Befinden. Später stellen sich Schmerzen in den Knochen und Muskeln ein und eine Schädigung der Darmorgane. Im noch späteren Stadium werden die Augen des Gewohnheitsrauchers glanzlos und trübe, der Kopfschmerz wird permanent, die Zunge stark belegt, Augen und Nase triefen und die Verdauung wird ganz erheblich gestört. In späterer Folge tritt dann schnelle Abmage­rung ein, starke Atmungsbeschwerden und schliesslich der Tod. Durch immer verstärkte Inan­spruchnahme des Giftes werden natürlich diese Folgeerscheinungen jahrelang hinausge­schoben, aber die Katastrophe für den Gesamtorganismus tritt dann um so wuchtiger und ent­gültiger ein. Eine zu spät angefangene Entziehungskur ist meistenteils für die Unglücklichen wirkungslos, denn sie verfallen sehr oft dann in Raserei und Tobsucht, wenn sie das Genuss­mittel, an das sich ihr Körper gewöhnt hat, nicht mehr bekommen. Es gibt viele Menschen, die aus Neugierde und Leichtsinn das Opiumrauchen probieren und nach und nach diesem Laster doch in die Arme geraten.
Besonders in den besseren Kreisen der hiesigen Gesellschaft wird dem Opiumrauchen gefrönt. In den aussereuropäischen Ländern ist es dagegen zum allgemeinen Volkslaster ge­worden. Es gibt das nicht nur in jeder Stadt, sondern auch in jedem Flecken, sogenannte Opiumhäuser, die meist zugleich auch Bordelle sind. England hat durch den Opiumzoll eine Einnahme, die man auf 20 Millionen Pfund Sterling jährlich schätzt.

II. Das Haschisch

Eine ähnliche Rolle wie das Opium in der Art seiner Wirkung spielt das Haschisch in Ostindien, Mittelafrika, speziell in Ägypten. Es ist eine Hanfart, besonders der indische Hanf (Cannabes indica), die zur Herstellung des Haschisch verwendet wird.
Gleich nach dem Blühen der Hanfpflanze wird das in den Haardrüsen der Blätter und Stiele in Menge aufgespeicherte zähflüssige Harz (Churrus) abgeschabt und gesammelt. Ein jedes Haardrüschen der Pflanze enthält dieses Sekret, das bei Verletzungen sofort austritt, da es in sehr grosser Menge in den verdickten Köpfen der Haardrüse vorhanden ist. Ausser dem Harz (Churrus) werden auch die jungen, mit Blüten, Früchten und kleinen Blättern besetzten Teile des Hanfes getrocknet, zerrieben und in pulverisiertem Zustand als Berauschungsmittel verwandt. Das beste Haschisch wird in Indien gewonnen aus reinen Hanf-Harzpräparaten. Der gepulverte Hanf ist mehr in Arabien und Ägypten üblich und kommt dort unter dem Namen Keef in den Handel. Das Haschisch wird ebenso geraucht wie das Opium, doch gibt es noch viele verschiedenartige Zubereitungen und Extrakte. Man geniesst es in Form kleiner Kuchen, Pillen, Pastillen, als Konfitüren vermischt mit Zucker und anderen Süssigkeiten. Auch zu einer Art Teeaufguss werden die jungen Hanfblätter verwandt.
Der Haschischgenuss ist in der gesamten Türkei, Arabien, Persien, Kleinasien, Indien, bis nach Südafrika verbreitet und 300 – 400 Millionen Menschen frönen diesem Genuss mehr oder weniger.
Wenn auch der Haschischgenuss nicht so krass schädliche Wirkungen wie das Opium im menschlichen Körper zurücklässt, so zeitigt er doch bei andauerndem Genuss durch Jahre hindurch ein frühzeitiges Welken des gesamten körperlichen Organismuses, bedingt vor allem ein frühzeitiges Abstumpfen der Nerven durch das fortwährende Überreizen, sodass in späte­ren Stadien bei gewohnheitsmässigen Rauchern oder Haschischessern, wie beim Opium Ner­venkrämpfe, Delirien und schwere Verdauungsschwierigkeiten entstehen.
Die bei Fremden im Orient so oft ungemein sympatisch berührende Sorglosigkeit und Leichtlebigkeit des Orientalen beruht sehr oft auf dem geheimen Haschischgenuss. In den Ha­rems und Kaffeehäusern des Orients ist das Haschischrauchen natürlich gang und gebe, und zum volkstümlichen Laster geworden.

III. Der Betel. Die Koka.

Schon von alters her waren diese beiden Pflanzen als Betäubungsmittel der Nerven bekannt, da das Kauen von Blättern derselben das Nervensystem des Körpers in einen er­regten Zustand versetzt.
Das Betelkauen ist vor allem allen südasiatischen Volksstämmen eigen. Besonders die malayischen Einwohner sind sehr dem Betelgenuss verfallen. Das Blatt der Betelpflanze (Piper Betle L.) und das ähnliche Blatt des Malimiri Pfeffers wird nur in Verbindung mit der Arekanuss und Ätzkalk gebraucht. Der längere Genuss des Betels hat eine angenehme Auf­frischung der Nerven zur Folge, das Allgemeinbefinden des Menschen wird besser und die Nerven werden widerstandsfähiger. Bei längerem Gebrauch des Betels werden die Zähne schwarz, die Lippen und das Zahnfleisch dunkelrot und nach und nach treten schwere Ver­dauungsstörungen ein, die starke Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Heiss­hunger nach sich ziehen. Die Haut wird fahl und bleifarben, später kommt Wassersucht, Gelb­sucht und Gliederschwellungen hinzu, die dann mit einer allgemeinen Auszehrung enden.
Die Betelpflanze wird in allen indischen Ländern angebaut, auch in China und auf den australischen Inseln.
Die Arekanuss stammt von der auf den australischen Inseln und auf Ceylon einheimi­schen Arekapalme (Areca Catechu L.) und ist ein wichtiger Handelsartikel dieser Länder. Die Arekanuss wird nach Entfernung der äusseren Schale in Stücke zerschnitten und in die Blätter des Betelpfeffers, die auf der Innenseite mit Kalk ausgebrannten Muscheln oder Korallen be­strichen sind, eingewickelt und so kleine fingerdicke Röllchen zu dem Kaugebrauch herge­stellt. Die gesamte Bevölkerung huldigt dem Betelkauen, ganz gleich ob Kind, Mann oder Weib, ob alt oder jung.
Auch ähnliche schädliche Wirkungen, wie der längere Genuss des Betels bringt auch der Gebrauch der Koka nach sich.
Der Kokastrauch (Erythrexylum Coca Lam.) wächst in den Cordellieren, am häufig­sten in Peru und Bolivien. Auch in Ebenen des Amazonasstromes wird er in grossen Planta­gen angebaut. Da die Blätter schon nach einem Jahre ihre berauschende Wirkung auf den Or­ganismus verlieren, können sie nicht ausgeführt werden. Man findet deshalb das Kokakauen nur in Südamerika verbreitet. Auch wie beim Betelpfeffer ist der mässige anfängliche Genuss der Koka erfrischend, wird aber durch die täglich zunehmende Gewohnheit ein Laster, der das Lebensalter des Menschen erheblich verkürzt. Kein Betel- oder Kokakauer wird in der Regel älter als 55 Jahre.pflanzen

Der Zaunigel

Anmerkung von Volker Lechler:
[Der nun folgende, im Original handschriftliche Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche verfasst. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird. Auf eine Besonderheit möchte ich hinweisen: Bei mehreren der Texte stellte Eugen Grosche einen „Dr.“ vor seinen Namen, obwohl er nicht promoviert hatte.]

Der Zaunigel
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von Dr. E. Grosche

Das Geschlecht der Igel ist in Mitteleuropa nur durch einen einzigen Repräsentanten, unseren bekannten Haus- oder Zaunigel vertreten. Es ist kaum glaubhaft, wie viel Feinde der Igel besonders unter den der-zaunigelMenschen noch hat, da es immer noch grosse Teile der Bevölkerung gibt, die in dem Igel ein gefährliches und zu vernichtendes Tier sehen, doch ist gerade das Ge­genteil richtig. Der Landmann dagegen ist aufgeklärter und weiss, welche Freunde er an den Igeln hat, und hegt sie und beschützt sie, wenn sie sich in seinem Hof und Garten anfinden, weiss er doch, dass der Igel nicht nur ein riesiger Mäusevertilger, sondern auch ein geschwo­rener Feind alles Ungeziefers ist, denn er verschont kein Tier, welches er auf seinen Gängen in Haus und Feld vorfindet. Leider wird das Tier in den letzten Jahrzehnten in Deutschland immer seltener und ist vor allem in der Nähe der Grossstädte im Aussterben begriffen. Früher konnte man den Igel weit zahlreicher antreffen als heute. Auf dem Lande hat er eigentlich nur wenig natürliche Feinde. Gegen die Tierwelt vermag er sich vermittels seines Stachelschutz­panzers meist zu sichern, nur einzelne große Raubvögel werden ihm durch ihre langen, dolch­artigen Fänge gefährlich, und nur manchmal stellt sich der listige Fuchs die Aufgabe, den zu­sammengekugelten Igel mit den Vorderpfoten behutsam in ein in der Nähe befindliches Ge­wässer zu rollen, um ihn dadurch zum Aufgeben seiner Schutzwehrstellung zu veranlassen und ihn dann zu verspeisen. Auch die Zigeunerbuben sind eifrige Igeljäger. Man sieht sie im Herbst, wo der Igel am feistesten ist, mit langen spitzen Stöcken bewaffnet, eifrig in den Waldlichtungen und an den Gartenzäunen die Welklaubhaufen durchstöbern, um die vorhan­denen Igel aufzuspiessen.
Zur Naturgeschichte des Igels ist zu bemerken, dass der Igel eigentlich in die Ver­wandtschaft der Spitzmäuse und Maulwürfe zu zählen ist; denn er reiht sich in die Ordnung der Nager ein, und bringt sich dadurch sogar in die nächste Verwandtschaft mit dem Hasen, seinem aus dem berühmten Wettlauf bekannten Vetter, so sonderbar dies auch erscheinen mag. Die Naturforscher zählen ihn ja als eigene Familie in der Ordnung der Kerfjäger auf.
Dass der Igel, wie oben bereits gesagt, das einzige hier lebende Tier ist, welches einen eigenartigen Panzer, der den Rücken und die Seiten mit Stacheln bedeckt, trägt, ist ja allge­mein bekannt. Er rollt sich in Gefahr und Not zu einer Kugel zusammen, indem er Kopf, Schulterblätter, Leib und Füsse einzieht und dann nach allen Seiten von Stacheln starrt. Auf diese Weise bildet er sich gegen Hunde und andere Angreifer aus der Tierwelt eine gute zu­verlässige Abwehr. Allerdings ist dabei zu bemerken, dass besonders die Jagdhunde anschei­nend durch seinen bisamartigen Geruch besonders aufgeregt werden, und junge Hunde be­zahlen regelmässig einige Male hintereinander blutiges Lehrgeld, indem sie sich durch die Stacheln an Maul und Lefzen verletzen, ehe sie klug werden; die meisten älteren Hunde ver­bellen nur den Igel ohne, klug geworden, sich an ihm zu vergreifen. Es ist für den Naturfreund sehr interessant, den Igel während seiner Jagdtätigkeit zu beobachten. Wenn man einen zu­sammengerollten Igel trifft, so braucht man nur ein paar Minuten regungslos und still zu war­ten, dann wird man sehen, wie sich die anscheinend leblose Kugel langsam aufrollt und ein griesgrämliches Faltengesicht mit einer spitzen Schnauze behutsam zum Vorschein kommt. Bald aber glätten sich die Hautfalten und der Igel bekommt sein friedartiges, gemütliches Ansehen wieder und geht mit der ihm eigenen gründlichen Sorgsamkeit wieder auf die Suche nach allerhand Würmern und Insekten. Sorgsam wendet er jedes grössere welke Blatt um, durchschnüffelt alle Gras- und Blatthaufen, sticht mit der spitzen Schnauze in die Dunkhaufen und holt schmatzend die darin befindlichen Würmer hervor oder stattet dem Obstgarten einen sorgfältigen Besuch ab nach dort liegendem Fallobst, das für ihn eine ganz besonders leckere Speise ist.
Von den Landleuten wird, wie gesagt, der Igel sehr gern gesehen, und er ist wohl auf jedem Gehöft in ein oder mehreren Exemplaren zuhause. Sein Quartier hat er meistens in der Scheune oder im Geräteschuppen, und er hat schon manchen Uneingewehten unheimlichen Schrecken eingejagt, wenn er nachts wie ein Gespenst auf den Sparren und Balken der Scheu­ne seine heimliche Jagd treibt. Trotz seiner anscheinenden Unbeholfenheit und geringen Ge­schwindigkeit gelingt es ihm oft genug eine Maus zu beschleichen und durch blitzschnelles Zustossen zu überlisten. Auch in der Stadt wird der Igel sehr gern in Bäckereien gehalten, da er in der Vertilgung der Küchenschaben vorzügliches leistet. Am Tage verkriecht er sich meistens in einen dunklen Winkel und schläft, aber bei Eintritt der Dunkelheit wird er munter und streift suchend umher.
Der Igel ist nicht, wie manche Leute annehmen, Höhlenbewohner, sondern baut sein Nest im Freien, meist in dichten Dornhecken oder unter Reisighaufen, indem er Moos und welkes Laub zusammenträgt und sich damit ein warmes, gut ausgepolstertes Nest einrichtet. Interessant ist es, wie er diese Baustoffe zu seinem Nest heranträgt, da er nämlich auf höchst originelle Weise das welke Laub auf seine Stacheln aufspiesst, indem er sich im welken Laub herumwälzt und es dann nach Hause trägt, was also ein Zeichen von grösserer Intelligenz und bewusster Überlegung ist. Der Igel gehört zu den Winterschläfern. Kurz vor Eintritt des Fro­stes bezieht er sein besonders ausgestattetes Winterquartier und schläft fast ununterbrochen den ganzen Winter hindurch zu einer runden stachelbewehrten Kugel erstarrt, bis er im ersten Frühjahrsmonat, so wie ein laues Lüftchen weht, zu neuem Leben erwacht. Im März beginnt auch seine Gattungszeit und es ist interessant, welchen Lärm das Igelpaar oft nächtlich bei seinen Liebesspielen in der Scheune aufführt. Die Igelin pflegt eine sehr spröde Braut zu sein, indem sie ihren Liebhaber oft stundenlang mit seinen Liebesbemühungen sich abmühen lässt, ehe sie sich ihm ergibt. Sehr drollig sehen die jungen Igelchen aus, wenn sie, oft 5 – 7 Stück, hinter dem alten Muttertier ihre ersten noch unbeholfenen Ausgänge machen. Leider fallen viele von den Jungen trotz der äussersten Wachsamkeit der Mutter den ihnen eifrig nachstel­lenden Wieseln und Ratten zum Opfer. Der Igel ist ein sogenanntes Standtier, da er oft jahre­lang sein Quartier behält und sich nur selten zum Auswandern nach einem anderen Gehöft entschliesst. Alte Schäfer, welche die Igel, die sehr oft in Schafställen zu finden sind, durch Beinringe kennzeichneten, haben gefunden, dass die Stammeltern oft bis zu einem Jahrzehnt in der selben Schäferei ausharren, während das junge Volk sich notgedrungen späterhin zer­streute und in das Dorf hinüberwanderte.
Jeder Naturfreund sollte also nach besten Kräften dazu beitragen, das Vorurteil, wel­ches so viele Menschen gegen das Geschlecht der Igel hegen, zu bekämpfen und zu zer­streuen, da wir in dem Igel eins der nützlichsten Tiere für Garten und Feld erblicken müssen, da er ungeheure Mengen von Mäusen und Ungeziefer vertilgt.

Entenjagd

Anmerkung von Volker Lechler
[Der nun folgende, im Original handschriftlich verfasste Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sowie Durchstreichungen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird.]

Entenjagd

von

Dr. E. Grosche, Berlin.

entenjagd

Entenjagd Auszug

Die Sonne beginnt soeben hinter dem niederen Höhenkamm

im Osten heraufzukletternsteigen und ihre ersten blitzenden Strahlen zerreißen

die fahle, graue Morgendämmerung, huschen schnell über den See,

und lassen die weißen Wellenkämme goldigschimmernd aufleuchten.

Über der Seeniederung, zwischen den hohen Binsen und über dem Schilfe

liegt noch dichter grauer Morgennebel, aber schon beginnt die

Sonne mit den häßlichen grauen Schwaden aufzuräumen. Ein leichter Morgen-

wind bringt vom See ein vielstimmiges Konzert herüber. Das

Gequarre und Pfeifen der Enten und das heisere Bellen und

Kläffen der Taucher, das Rufen der TeichWasserhühner. Ganz deutlich vermag

ich die grobe Stimme des alten Tauchers herauszuhören, der dort unten dicht an dem

verfallenen Seestege seinen Standplatz hat, herauszuhören. Der

alte Bursche mit dem starken, dunklen Halskragen spottete bis jetzt

jedem Nachstellen. Er hatte reichlich aus all den vergeblichen Ver-

folgungen gelernt und anscheinend seine Konsequenzen gezogen,

denn ich kam nie mehr auf ihn zum Schuß, obwohl ich ihm

oft Morgens und Abends einen Besuch abstattete. Nun, so

will ich auch heute noch mal einen Versuch mit ihm machen.

Leise pirsche ich zu dem alten, verkrüppelten Wachholderstrauch,

der dicht am Schilfrande steht, wo die halbverfaulten Holzbalken

des Seestegs beginnen. Ich nehme das Glas. Wahrhaftig, da ist

er! Natürlich wieder an seinem alten Lieblingsstelleplatz vorn an der Schilf-

spitze vorn. Andauernd bellt und kläfft er und. Es liegt ein

eigenartiger Tonfall in seiner tiefen, heiseren Stimm: als ob er

wütend auf sich selbst und die ganze Welt wäre. Allerdings

ist ja ein aufgezwungenes, unverhofftes Einsiedlerleben schwer zu

ertragen, denn sein Weibchen schoß ihm ein Jagdfreund schon vor einigen

Wochen schon weg. Aber warum wandert auch der alte Kerl

nicht aus und geht wieder unter Seinesgleichen, anstatt mit einer

erstaunlichen Zähigkeit seinen gefährdeten Platz an der Schilfspitze

inne zu behalten und mich andauernd zu veralbern. Soll das etwa

eine Art Rache sein?  Behutsam Vorsichtig und langsam krauche ich auf

allen Vieren den Steg entlang nach vorn, verstecke mich sorgsam

hinter jedem schwarzen Pfosten. Die Wellen brechen sich leise

rauschend am Schilfrande, und wiegen die hohen Halme hin und

her, und plätschern gegen die halbmorschen Pfähle des Steges. Da

beginnt dicht neben mir ein Rohrsänger sein erstes Morgenlied und

huscht von Halm zu Halm, herauf und herunter. Hoffentlich bemerkt

er mich nicht und warnt den Alten. Doch dieser bellt unverdrossen

weiter, verschwindet ab und zu im Schilf und kommt wieder hervor.

So, jetzt bin ich bereits in Schußnähe, noch ein Pfosten und dann

hast Du verspielt Alter. Behutsam ziehe ich das Gewehr hervor.

Da plötzlich hält das Viech der Bursche mit seinem melodischen Gequärre ein,

und äugt aufmerksam zu dem Steg herüber. Ich liege dicht auf

die Bohlen gedrückt, das Gesicht hinter dem Pfosten versteckt. Viel

wird er von mir nicht sehen können, Doch die Sache kommt

ihm bereits verdächtig vor. Langsam drückt er sich näher an das

Schilf heran, noch immer zu mir heräugend, bereit, blitzschnell

zu tauchen. Ich wage keine Bewegung. So verlief bisher die

Sache jeden Morgen. Entweder, ich kam garnicht in Schußweite

heran, oder er verschwand im letzten Augenblick im Schilfe. Jetzt hatte er

die ersten Halme erreicht und wandte wendet eine Sekunde den spitzen

Kopf nach vorn. Das Und dies genügt für mich. Im nächsten Augenblick drücke

ich ab. Ein Knall, ein Rascheln im Schilf, erschrocken fliegt der

Schilfrohrsänger davon, weiter draußen im See stehen ein paar Enten

auf vom Schuß erschreckt und. Da liegt nun der alte Bursche und dreht den schneeweißen

Bauch nach oben. Ich gehe zurück, mache eine das vorn liegende

Boot los und hole ihn mir.  Da hätte ich dich also, mein lieber

alter Herr! Wie fest die geölten Bauchfedern anliegen und sein dichter

Kragen schimmert dunkelrotbraun. Ich stopfe ihn in den Rucksack,

und mir eine neue Morgenpfeife. Fünfmal war ich der Geprellte,

jetzt bist du es! Aber deine schöne tiefe Stimme wird mir nun

morgens fehlen. –

Langsam bummle ich nun weiter am Seerand entlang.

Der Alte war wenigstens ein guter Anfang. Den Hund habe ich

zu Hause gelassen, denn der See ist hier an den meisten Stellen

sehr flach. Eine Sandbank zieht sich weit hinaus, sodaß ich mir

selbst meine Beute holen kann. Außerdem bereitet es mir bedeutend

mehr Spaß, ohne Hund die Enten anzuschleichen. Der Wind steht

jedenfalls günstig.  Ein herrlicher taufrischer Morgen ist nun angebrochen aufgegangen.

Im Schilfe singt und zwitschert es, denn allerlei kleines Zeug

brütet hier. Überall wiegen sich Schilfsänger und Rohrammern

an den langen Halmen der Pumpkeulen, In dem runden, niedrigen

Weidenbusche lärmen ein paar Grasmücken. Dort über der nächsten Kiefer

jagen sich ein paar Rohramseln Brachvögel Meisen. Eine Schar Krähen kommt

quärrend über den See und strebt dem Walde zu. Doch

als sie die Galgenvögel mich sehen, biegen sie spitz ab. Die Galgenvögel

Dort Weit hinten hoch über dem See eine lange Kette Enten, siebzehn Stück zähle

ich durch das Glas. Auf der Sumpfwiese dort vor mir steht langbeinig ein Storch

herum und hüpft in komischen Sprüngen von dannen, als er

mich gewahr wird. Da, plötzlich ein Plätschern kurz vor mir, während ich nach

dem Storche schaute, steigt da ein alter Erpel auf. Ich reiße hoch.

Punmms! Vorbei! Den zweiten Schuß lasse ich. Schade um den

Grünhals.  Nun muß ich erst wieder ein ziemliches Stück gehen,

denn vor dem Schuß hat sich ja alles vor mir verkrochen. Nach

einer Weile taucht dort eine niedere verkrüppelte Kiefer auf, die

bietet eine gute Deckung auf ein immer besetztes Entenloch im

Schilfe bietet. Ich schleiche vorsichtig auf den Knien näher, und richte mich

langsam hinter dem braunen Stamme auf. Nichts! Blank blinkt

die kleine leere Wasserfläche zu mir herüber. Ich warte eine

Viertelstunde. Da raschelt es ihm im Schilf. und Eine Rohrhuhnmutter

führt ihre schon ziemlich großen erwachsenen fünf Jungen quer über die kleine

Bucht und verschwindet wieder im Schilfe. Ich nehme Nun versuche ich es mit der Entenquarre

und lasse mehrmals in kurzen Intervallen das Locken eines jungen

Entenfräulein ertönen. Nichts! Kein Enterich Erpel Bewerber antwortet. Ich locke

rufend wie eine Mutterente, keine Antwort. Nach einer halben Stunde

vergeblichen Wartens will ich müde und ungeduldig hinter der Deckung

hervortreten, da raschelt es wieder dort hinten in der Ecke und die

Halme bewegen sich. Quarr, Quarr tönt es, und ein Entenpäärchen

kommt zum Vorschein. Ich drücke mich fester an den Stamm und

erstarre zu Erz. So, jetzt kommen sie in eine halmleere Stelle.

Pumms, Rumms! Und bald Da habe ich sie Beide. Ich wate vorsichtig

in dem flachen Wasser heran, das Gewehr schußfertig im Arm,

da und plötzlich steht vor mir ein Erpel auf, der sich anscheinend vorher

unbemerkt ganz lautlos dicht genähert hatte, und sich nun dann nicht getraute abzu-

streichen. Doch es war nun für ihn zu spät. Ich hole ihn herunter und der alte Taucher im Rucksack bekommt

eine dreiköpfige Gesellschaft. Dann schlendere ich wohlgemuth weiter.

Die Luft ist weich und warm, und die Blumen blinken und duften

in dem dunkelgrünen Grase. Dicht vor mir verschwindet schlängelnd

ein Prachtexemplar von einer Ringelnatter im Schilf und ab und

zu plumpst ein dicker Frosch erschrocken von meinem Tritt ins

seichte Wasser. Der Boden wird jetzt sumpfiger und gibt unter

meinen Tritten nach. Große, dichte Moospolster verdrängen all-

mälig das Gras. Ich werde in meinen Bewegungen vorsichtiger, denn

ich jetzt nähere ich mich jetzt einem besonders idealen Entenbruch, auf dem

ich bisher immer etwas fand. Nur verdarb Tell mein Hund durch

sein Platschen in dem sanften Moose mir den Anschuß, und die

Enten strichen stets vorher ab. Leise schleiche ich näher. Setze vorsichtig

Fuß vor Fuß. In meinen Fußstapfen bildet quilt Wasser hervor;

das Moos quietscht leise. Der Wind steht gut und so komme

ich auf Schußnähe heran. Hohe Binsen stehen hier, und es gibt leider

keine Deckung zum Ansitz. Anscheinend liegt hier dort nichts. Also

noch etwas näher. Da kurz vor mir ein Angstgequärre, raschelnd

stiebt es auseinander, doch nichts geht hoch, alle versuchen das schützende

dicke Schilf zu gewinnen. Ein Satz, und ich bin näher. Bis über

die Knöchel versinke ich im Schlamm. Aber da ist die Gesellschaft!

Vier, fünf, sechs Stück, ein ganzes Gehege. Ich halte drauf und

steche zweimal ab. Das Resultat: Die Alte und 2 Jungenten. Zwar

sehen diese noch ziemlich dürftig aus, denn die Entenjagd ist

noch nicht lange angegangen, und das Frühjahr war recht trocken.

So, nun ist hier nichts mehr zu wollen, denn das nächste Bruch

dort, gehört bereits dem Nachbar. Schade, denn gestern sah ich dort

zwei Reiher niedergehen.

Wohlgemut stapfe ich nun heimwärts, denn ich bin mit

dem Streifenergebnis ohne Hund von 6 Enten zufrieden.  Tell machte jedenfalls

ein urkomisches Faltengesicht, als ich die sieben Tiere auspackte.

Anscheinend dachte er, ohne ihn geht ginge es nicht. Na, tröste Dich alter

Freund, morgen machen wir die Sache mit Dir noch einmal. Und heute

Abend will ich auf das andere Ufer hinüber, wo der Sechserbock

aus der Fichtenschonung auf den Hafer heraustritt. Diesmal muß er

daran glauben, falls er nicht in die Nachbarjagd hinüber wechselt. –

Welch kostbare Stunden birgt doch ein freies Jägerleben!

Ameisenstreiche

Anmerkung von Volker Lechler
[Der nun folgende, im Original handschriftlich verfasste Aufsatz wurde von Eugen Grosche geschrieben. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sowie Durchstreichungen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird.]

Ameisenstreiche

von Dr. Eugen Grosche Berlin

ameisenstreiche

„Mohrchen“ war ein von der Natur besonders gut bedachtes

Ameisenfräulein. Ihre schlanke, biegsame Gestalt, die vornehm

und stolz geschwungenen Fühlerkeulen, der dunkle, samtartige

Glanz ihres Körpers, machten sie zu einer der schönsten unter

den zahlreichen Arbeiterinnen ihres Volkes. Die Samthäarchen, die ihren

schlanken, jungen Körper bedeckten, schimmerten dunkler als die

ihrer Artgenossinnen und sie hatte deshalb den Namen „Mohrchen“

bekommen. Sie gehörte zwar erst der jüngsten Generation des

Stammes an, war erst im Mai geboren, aber trotzdem war sie

bereits der Jägerinnenklasse ihres Volkes zugeteilt, die für Nahrung

sorgen müssen. Sie war behend, kräftig, besaß einen stark ausge-

prägten, verfeinerten Geruchssinn und hatte ein aufgewecktes

Köpfchen, alles Eigenschaften, die eine Jägerin der Ameisen

besitzen muß, um in diese wichtige und bevorzugte Klasse auf-

genommen zu werden. Dazu kam noch ein ungeheurer Taten-

drang, den sie in sich hatte, der sie schon so manchmal in

Lebensgefahr bei ihren Streifzügen brachte.

Es war ein wunderschöner, klarer Junimorgen. Auf den

Gräsern und Blumen blitzten unzählige schimmernde Perlen. Die

kleinen schwarzen Käfer, die in den gelben Wiesenblumen

wohnten, kamen hervor. Winzige Grasfliegen begannen ihre

Rundflüge von Blume zu Blume. Schon kamen summend die

ersten Bienen aus dem Stocke da drüben im Garten des

weißen Hauses angeflogen. Ein gelber Zitronenfalter, der im

Kelche einer blauen Glockenblume übernachtet hatte, breitete

leise und sorgsam seine prächtigen Flügel auseinander, sodaß sie

in den ersten Sonnenstrahlen goldig aufleuchteten, wünschte der

Glockenblume freundlich einen guten Morgen und begann im

taumelnden Fluge dahinzugleiten. Zuerst fast senkrecht in die

Höhe, dann im jähen, waghalsigen Gleitflug wieder nach unten

dem Blumenteppich der Wiese zu, das Herz fast trunken von

Freude und Lebenslust.

Auch die beiden kleinen, rotbraunen Ameisen, die soeben

den gewundenen Stengel dereiner blühenden Winde herunterkamen, waren

sehr frühlingsfroh durch diesen herrlichen Morgen gestimmt. Sie hatten

als Morgenimbiß von den kleinen Schutzblättchen der Winden-

blume, die dicht am Stengel angebracht sind, Süßsaft geleckt, dazu

einen Trank von den klaren Tautropfen getan, und nun

gingen sie frohgemut auf Jagdbeute aus, die winzigen Fühler

lebhaft bewegend. Auf dem Feldwege, aufin einer tiefen Radspur

machten sie halt. Weißt Du Li, sagte Mohrchen zu ihrer schon

älteren Gefährtin, ich möchte zu gern einmal diese endlose

glatte Straße verfolgen, um zu sehen, wohin sie führt. Sie

ist bequem zu gehen und man kommt gewiß in gute Jagd-

gründe. Haben wir dann Beute, so können wir diese leicht

transportieren und sind sicher vor Abend wieder heim. Doch Li

bewegte abwehrend ihre Fühlerhaare. Nein, nein, Mohrchen, dies

dürfen wir nicht tun. Du weißt, die Königin gibt nie wieder

die Erlaubnis, unsere Jagdreviere zu verlassen, seit damals von

dem Jagdzug, den 20 der Unseren unternahmen, keine einzige

Teilnehmerin zurückgekommen ist. Bedenke auch, wir könnten den

roten, blutigen Raubameisen in die Hände fallen, die stärker

sind als wir. Wir werden dann sicher getötet oder in die

Sklaverei geschleppt, müssen dann in fremden Nestern arbeiten

und unsere schöne Freiheit ist für immer dahin. Doch Mohrchen

ließ keine der Einwendungen gelten. Immer aufs Neue

drang sie in die Freundin und malte die zu entdeckenden

Neuigkeiten in glänzenden Farben aus. Gedenke doch Li, es

weiß ja niemand u. wir sind gewiß bis zum Einbruch der

Dunkelheit zurück. Und den Ruhm, der Unserer harrt, wenn

wir zurückkommen und neue, reiche Gebiete entdeckt haben.

Wir werden dann sicher dem Hofstaat der Königin eingereicht

und zu deren Dienst in den innersten Gemächern herangezogen

werden. Denke Dir, diese Ehre für uns. Damit hatte Mohrchen

den wunden Punkt in der Seele der Freundin getroffen, denn

Li war sehr ehrgeizig. Eine Weile noch zauderte und überlegte

sie, dann gab sie nach. Noch einmal zogen die Beiden nun

ihre Fühler anfeuchtend durch ihre Mäulchen, damit ja der

leichteste Windhauch zu spüren sei. Dann rannten sie los,

die fremde, lange, ins Unbekannte führende Straße entlang.

Und sie kamen tatsächlich rasch vorwärts. An einer

saftigen, grünen Raupe, die über den Weg kroch, eilten

sie achtlos vorüber. Dann trafen sie weiterhin am Rande

der Straße auf einen großen, blauen Roßkäfer, der schon

eifrig bei seiner Morgengrabarbeit war. Sie frugen ihn, ob er nicht

wüßte, wohin dieser Weg führte. doch der mürrische, dicke Geselle

gab ihnen brummend zur Antwort, das ging ihn garnichts

an, er kümmere sich nur um seine Arbeit und ginge nicht

auf Abenteuer aus wie andere Leute. Und dabei warf er mit

seinen schaufelgeformten Vorderbeinen derartig mit Erde

um sich, daß die kleinen Ameisen erschreckt weiterliefen.

Nach einer halben Stunde hatten sie ein gefährliches Abenteuer

zu bestehen. Ein riesiger, tiefschwarzer Laufkäfer mit mächtigen

Zangen setzte ihnen nach. Und obwohl die Ameisen im

Allgemeinen sehr mutige Tiere sind, waren die Beiden

doch klug genug, um zu sehen, daß hier nichts zu machen war.

Und sie rissen aus, was sie laufen konnten. Hätten sie

sich nun nicht zufällig unter einen an der Straße liegenden

Feldstein flüchten können, so wäre wohl hier ihre Entdeckungs-

fahrt zu Ende gewesen, denn der Verfolger verfügte über eine

ganz außerordentliche Schnelligkeit. Als nach einer Weile der

Käfer brummend davon gelaufen war, gingen die Beiden

weiter. Da machte auf einmal die Straße eine Biegung

und zu dem größten Erstaunen der Ameisen kreuzten noch

mehrere derartige Straßen diejenige, welche sie gekommen waren.

Nach einer kurzen Unterredung wählten sie sich die tiefste

der Straßen zur Weiterwanderung aus. Es war auch ihr Glück.

Denn kurz darauf erschien eine starke Patrouille von den schwarzen

Wegameisen, die hier in der Nähe wohnten, auf der Bild-

fläche. Und diese Ameisenart ist als besonders bissig und unver-

träglich bekannt. Hörst Du das starke Summen der Bienen,

die über uns wegfliegen, fragte Li. Ich glaube, wir müssen

ganz in der Nähe des weißen Hauses sein, wo sie wohnen

und von dem sie uns oft erzählten. Ihr Nest soll ja viel,

viel schöner und größer sein als das Unsere. Nicht lange

darauf sahen sie auf dem Wege eine Biene sitzen, die

müde war und sich ausruhte. Und die beiden Ameisen senkten

zum Gruß ehrfurchtsvoll ihre Fühler, denn die Bienen sind

ein sehr mächtiges Volk, die immer fliegen können, während

bei dem Ameisenvolke dies nur im August die Männchen

und Weibchen fertigbringen. Ja sagte die Biene, hier dicht

über uns auf dem Fensterbrett steht ein große Napf, in dem ist süßes Johannisbeer-

kompott. Ich sage Euch, dies ist etwas kostbares und schmeckt

herrlich. Klettert nur hier die weiße Wand dicht vor uns

empor, aber laßt Euch nicht von der Frau erwischen.

Die Ameisen verstanden zwar nicht viel von dem, was die

Biene erzählte. Aber da die Bienen sehr weise Leute sind, die

viel in der Welt herumkommen, so beschlossen Li & Mohrchen

den Rat zu befolgen und sich die Sache anzusehen, denn hungrig

waren sie auch. Und sie stiegen beide die weiße gerade

Wand empor. Es steigt sich hier famos, sagte Mohrchen, an

den kleinen weißen Körnern kann man sich sehr gut festhalten.

Schon merkkam ihnen ein süßer Duft entgegen, den sie

noch nie gerochen hatten. Und dann waren sie am Ziel.

Eine Menge Bienen waren schon da, kamen und gingen.

Kommt ihr Kleinen, riefen sie, kostet davon, es ist genug

da. Und die beiden Ameisen erglommen die Glasschale und

begannen, nach sorgfältiger Prüfung mit den Fühlern, eifrig die rote

Flüssigkeit zu lecken. Ei, wie das schmeckte, so etwas Schönes gab

es daheim nie. Was wird wohl die Königin dazu sagen, meinte

Mohrchen, die ihr Kröpfchen schon fast vollgesogen hatte, und

versetzte Li vor Freude eins mit der rechten Fühlerkeule.

Wir wollen nur genügend zur Probe davon mitnehmen. Und

sie tranken und leckten, soviel sie nur konnten. Mohrchen,

sagte Li, mir wird so dumm im Kopfe. Ich kann schon nicht

mehr die Fühler ordentlich bewegen. Woher kommt denn dies?

Ja sagtenriefen die Bienen, man muß erst diesen süßen Saft gewohnt

werden.

Mutti! sagte der kleine Knabe, der an das Fenster

gekommen war. Bei den Johannisbeeren sind Ameisen, ganz

ulkige, rote andere wie die im Garten, … die auch stechen wie die Bienen? Ameisen

sind schädliche Tiere, sagte die Mutter, sie gehören nicht in die

Wohnungen der Menschen. Dabei nahm sie ein Tuch

und schlug die Tiere fort. Die Bienen, welche besser sehen

konnten als die Ameisen und die drohende Gefahr rechtzeitig

noch im letzten Augenblick erkannten, flogen schnell davon.

Aber die beiden Ameisen erreichte ihr Schicksal. Li fühlte

sich plötzlich von einer ungeheuren Gewalt emporgehoben und

wurde weit durch die Luft hinweggeschleudert und blieb

vor Schreck fast besinnungslos im hohen Grase liegen. Und

das Mohrchen1 einen heftigen Schlag auf ihr Köpfchen, noch

einmal zuckten die kleinen Fühlerchen, dann fiel sie tot

vom Fenstersims herunter. Uff! sagte eine große dicke Kröte,

die unten in der Mauerritze wohnte. Wen haben wir da?

Eine fremde Ameise. Wie kommt die hierher? Und sie

verschluckte Mohrchen und drehte dabei die dicken Glotzaugen

nach oben. Die schwarze Sorte schmeckt besser, meinte sie dann

und verschwand zwischen den Gemüsebeeten. Die kleine Li

wurde ein paar Tage später gänzlich ermattet von einer

Jagdpatrouille ihre Stammes in der Nähe des Nestes aufge-

funden. Und die Königin erließ nochmals das strengste

Gebot, daß niemand diese gerade unbekannte und gefahrvolle

Straße ziehe, denn Mohrchen blieb für immer verschollen.

1 Hier fehlt wohl ein Wort.

Ameisenkriege

Anmerkung von Volker Lechler
[Der nun folgende, im Original handschriftlich geschriebene Aufsatz wurde von Eugen Grosche verfasst. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sowie Durchstreichungen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird.]

Ameisenkriege

von

Dr. Eugen Grosche, Berlin

ameisenkriege_Bild00055

Es ist wohl bereits allgemein bekannt, daß besonders in der

Welt der Insekten die Gewaltherrschaft in voller Blüte steht. Die

Existenz des Einzelwesens beruht hier sehr oft nur auf der Überwältigung

von schwächeren Gegnern oder Artgenossen. Oft ist auch bloße Raubgier

oder die Sorge um die Fortpflanzung der Anlaß zu blutigen Kämpfen.

Ein vorzügliches Beispiel dafür, daß sogar umfangreiche, systematische

Kriege geführt werden, bieten uns eine Anzahl unserer einheimischen

Ameisenstämme. Hier sind besonders die roten Raubameisen und die

allerdings in manchen Gegenden selten vorkommenden sogenannten

Amazonenameisen zu nennen. Beide Arten gehören zu den Völckern [sic!], die darauf

angewießen sind, sich Sklavenameisen zur Pflege der Nachkommen-

schaft, zur Instandhaltung des Nestes, bei den Amazonen sogar zur

eigenen Ernährung, zu halten. Diese Sklaven verschaffen sich die

Raubameisen durch Überfälle und Plünderungen der in der Nähe liegenden

benachbarten Nester anderer Ameisenarten. Langwierige Kämpfe finden

statt, da die überfallenen Völcker [sic!] sich meist ganz energisch zur Wehr

setzen. 1 Einen besonders interessanten Kampf konnte ich vergangenen

Sommer beobachten. Ich fand eines Tages in der Mittagsstunde ein

von mir bereits oft beobachtetes Nest der roten Raubameisen – inmitten

eines alten, vermorschten Baumstumpfes – in voller Aufregung. Die

Oberfläche des Stammes wimmelte bereits von zahlreichen ins Innere

des Nestes führenden Gängen. Plötzlich setzte sich die ganze Menge

nach einer Richtung in Bewegung und bald hatten sich nach meiner

Schätzung ungefähr 5–600 Ameisen zu einem ziemlich regelmäßigen

Zuge geordnet, welcher sich in einem raschen Tempo quer über

eine schmale Waldlichtung nach der anderen Waldseite zu bewegte.

Nach 10 Minuten waren die Tierchen an ihrem Ziele, einem

großen, bemoosten Steine angelangt und begannen, in das unter

dem Steine befindliche Nest der kleinen roten Knotenameise einzudringen.

Diese hatten jedoch die ankommenden Feinde rechtzeitig bemerkt, denn

aus allen Öffnungen drangen die wütenden Verteidiger hervor. Und

bald war die nähere Umgebung des Steines der Schauplatz eines mit

großer Erbitterung von beiden Seiten geführten Kampfes. Zu ganzendichten

Klumpen hatten sich die Kämpfer bald vermengt und bissen und stachen

auf einander los. Die Verteidiger waren sogar in der Überzahl. Aber

trotzdem tauchten nach 2 Minuten an den Eingängen zahlreiche

rote Raubameisen auf, die geraubte Puppen in ihren Zangen hielten und

sich nun eiligst aus dem Staube machten. Nach ungefähr fünf

Minuten waren die meisten Räuber wieder auf dem Rückzuge begriffen und

wurden eine Strecke des Weges auf das Nachdrücklichste verfolgt.

Wehe den Nachzüglern. Von den zahlreichen Verfolgern wurden sie

umringt, der Raub wurde ihnen abgenommen und sie wurden sämt-

lich durch die wütenden Stiche der Knotenameisen getötet. Trotz-

dem hatte sich die Sache gelohnt, denn die geraubten Puppen zählten

nach Hunderten und der Verlust an Toten war garnicht besonders

groß. Nach drei Tagen um die gleiche Mittagsstunde fand der-

selbe Überfall des gleichen Nestes nochmals statt mit demselben

guten Resultate. Manche Forscher haben 40 Raubzüge immer des gleichen

Stammes im Monat beobachtet. Die geraubten Puppen werden

soweit sie beschädigt sind, aufgegessenverzehrt, der größte Teil wird jedoch

von den bereits im Neste vorhandenen Sklaven sorgsam gepflegt und

aufgezogen und somit der Sklavenbestand stetig vermehrt. So kommt

es vor, daß in einem Neste oft 4–5 verschiedene Sklavenarten

einträchtig ihre Arbeitsdienste tun. Alle fühlen sie sich wohl in

dem Neste ihrer Herren und gehen ihren Beschäftigungen nach, denn

sie wissen es ja nicht anders, da sie ja doch im Neste geboren

wurden. Sie besorgen die Brutpflege und vergrößern den Nestbau; die

Sklaven der Amazonenameisen müssen sogar ihre Herren füttern, da

die Amazonen ihre Nahrung nicht selbst zu sich nehmen können.

Einen zweiten interessanten Überfall konnte ich in meinem

Insektarium beobachten, obwohl derselbe aus anderen Motiven erfolgte.

Ich hatte in dem Insektarium einen Stamm der kleinen Haideameise

angesiedelt, der prächtig in der Gefangenschaft gedieh. Tag und Nacht

hatten die kleinen graubraunen Gesellen ihre Gänge gegraben

und ihre Kammern angelegt, mit Vorliebe an den Glaswänden

des Insektariums entlang, sodaß ich stellenweise sehr gute Beobachtungs-

möglichkeiten hatte. Trotzdem sich das Insektarium, wenn es gut

angelegt ist, sich vorzüglich zum Beobachten des Lebens der

Ameisen außerhalb der Nestes, ihren Jagdzügen, Kämpfen, dem

Einbringen der Beute u.s.w. eignet, kann ich doch empfehlen, sich

ein sogenanntes künstliches Cementameisennest herzustellen. Erst ein

solches gestattet hochinteressante Einblicke in das Innenleben

der Ameisennester. Man kann siedie Tiere dann bei ihrer Brutpflege und

ihren häuslichen Arbeiten bequem beobachten. Vielleicht komme ich in

einem späteren Artikel auf die Anlage eines solchen künstlichen

Nests zurück. Ich hatte also eines Tages ein künstliches

Nest der roten Knotenameisen durch ein dünnes Gummiröhrchen

mit dem Insektarium verbunden und bald sandten die

Knotenameisen zahlreiche Späher aus, die sich das neue Terrain

ansahen und es erforschten. Wenn sie dabei Haideameisen be-

gegneten, wichen sie diesen vorsichtig aus. Und nach einigen

Tagen zog der ganze Stamm der Knotenameisen hinüber in das

Insektarium. Das schöne, künstliche Nest mit allen seinen geräumigem

Kammern, ließ in dem ich sie so betreut und gepflegt hatte,

ließen sie schnöde im Stich. Und nun entbrannte auch in

dem Insektarium ein wilder Krieg, denn die Haideameisen

wollten ohne Kampf nichts von ihren Gebiete an die Ein-

dringlinge abgeben. Vier Tage lang, über und unter der Erde,

tobte die Schlacht, in allen Gängen und Kammern wütete

sie. Oft schleppte eine Knotenameise 3–4 Gegner, die sich fest

an ihr verbissen hatten, an der Glasscheibe des Insektariums

entlang. Und die Todten [sic!] mehrten sich stündlich. Ich zählte später beim

Aufräumen des Schlachtfeldes über 100 todte [sic!] Haideameisen und

die Knotenameisen hatten auch ungefähr 30 Mann Verluste er-

litten. Dann waren die Haideameisen besiegt. Und nun konnte

ich eine interessante Beobachtung machen, die von einer gewissen

Intelligenz der Tierchen zeugte. Der Rest der Haideameisen zog

sich in eine Ecke des Insektariums zurück, vermauerte alle

dorthin führenden Gänge sorgfältig und begann, sich neue Kammern

und Gänge zu graben, die jedoch überraschender Weise nur

2 mm hoch waren, gegen einen früheren Durchmesser von 5 mm.

Auf diese Weise hatten sich sie Tiere einen Schutz gebildet, denn

für die größeren Knotenameisen waren nun die neuen Gänge

unpassierbar. Die Feinde begnügten sich auch mit dem eroberten

Terrain und begannen sich häuslich einzurichten, und noch heute

leben beide Stämme, allerdings in steter Kriegsbereitschaft, in dem

Insektarium teils neben-, teils übereinander. Derartige

Beobachtungen kann jeder InteressentNaturfreund machen, wenn er

sich eine solche Kolonie zulegt. Die Tierchen beanspruchen

verhältnismäßig wenig Pflege und Aufmerksamkeit. Auf

jeden Fall verursachtbereitet das Treiben der Ameisenvölcker [sic!]

in einem zweckmäßig angelegten Insektarium oder in

einem künstlichen Neste dem Beobachter interessante Stunden

und Freude, abgesehen von den zahlreichen Studienmöglichkeiten.

1 Diese eckigen Klammern stammen von Grosche.

Deportation und Zwangsarbeit

Anmerkung von Volker Lechler
[Der nun folgende, im Original ebenfalls handschriftlich verfasste Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sowie Durchstreichungen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird.]

Deportation u. Zwangsarbeit

von

Eugen Grosche, Berlin

Man hat in dem letzten Jahrzehnt, be-

sonders während des Krieges, immer von einer durchgreifenden

Justizreform gesprochen, die bis heute noch auf sich warten

läßt. Und doch sollte der neue Justizminister endlich einmal

das dem Volke so oft gegebene Versprechen einlösen. Außer der

dringend notwendigen Durcharbeitung des Strafgesetzbuches bedarf

vor allem das Schandkapitel der deutschen Zuchthaus- u. Ge-

fängnißpraxis einer Reform, die es auf ganz anderer, neuer

und gesunder Basis aufbaut. Einer freien, civilisierten Nation

ist die Handhabung der Zuchthausstrafe im heutigen Sinne über-

haupt nicht würdig.

Warum schreitet man nicht zur Deportation u. Zwangsarbeit

der Verbrecher bei mehrjährigen Gefängniß- u. Zuchthausstrafen? –

Zumal dochEs ist zweifellos systematisch u. tabellarisch festgestellt

worden ist, daß dasdie Zuchthausstrafe das in Frage kommende

Menschenmaterial mit wenigen Ausnahmen vollständig ver-

dirbt und für ein weiteres, in gesunden, gesitteten Bahnen

verlaufendes Leben unbrauchbar macht. Diese mit Zuchthaus

u. langer Gefängnißhaft bestraften Menschen gehen also dem

Volksaufbau meist verloren. Dieses weiß man also. Und

trotzdem können sich die maßgebenden Instanzen nicht zu

einer Änderung entschließen, weil ihnen eben die nötige

Großzügigkeit und der nötige Wille fehlt.

Es ist der Deportation von maßin

Frage kommenden Fachleuten, von Ärzten, Gelehrten,

Kolonialbeamten u.s.w. schon oft genug das Wort gesprochen,

denn die Erfahrungen, welche andere Länder, vor allem

England in Australien, mit der Deportation gemacht haben,

sind durchschnittlich gut gewesen. Auch Rußland hat

nur seiner im großen Stile durchgeführten Deportation

u. Verbannung zu verdanken, daß Sibirien den großen wirt-

schaftlichen Aufschwung genommen hat. Die Resultate der Ansiedlung waren

derartig gut, daß man später die Verbannung einschränkte,

um die freiwillige Einwanderung nicht zu hindern.

Nach der heutigen politischen Lage

u. dem Friedensschluß kommen ja allerdings unsere

Kolonien für die Deportation nicht mehr in Frage, aber

wir haben in Deutschland große, weite Landschaftenstriche

von unkultivierten Heideflächen, haben riesige Hochmoore,

die alle noch der Bearbeitung harren. Man hat be-

reits begonnen, in Oldenburg u. Hannover Kolonien

in dieser Gegend anzulegen u. diese haben alle im

Laufe der letzten Jahre sich wirtschaftlich gut ent-

wickelt u. behauptet.

Zu der Entwässerung der Hochmoore zur Urbarmachung der Heide

kann man sehr zweckmäßig Strafgefangene verwenden.

Ohne erhebliche Kosten, die jedenfalls das … Budget

für Zuchthaus- u. Gefängnißwesen nicht übersteigen,

können Unterkunftsbaracken gebaut werden, zum

Teil kann man die in den Moorgegenden bereits

bestehenden zahlreichen Zweiggefangenenlager dazu verwenden.

Die Vorarbeiten sind ja durch die bisherige Verwendung

der Kriegsgefangenen zu derartigen Arbeiten

bereits gegeben. Eine Verminderung des jetzt

sehr zahlreichen Gefängnißpersonals wäre sogar möglich

wahrscheinlich. Die Unterhaltungskosten der Unter-

kunftslager wären auch geringer als diejenigen Kosten,

die der Staat heute für seine zahlreichen Zuchthäuser

ausgibt.

Vor allem liegt ja der ideelle Vorteil

einer derartigen Verwendung von Strafgefangenen

klar auf der Hand. Schon heute kann jeder Zucht-

hausdirektor bestätigen, daß die Erfahrungen, die

er mit einzelnen Abteilungen seiner Sträflinge bei

der Abkommandierung zur Landarbeit gemacht hat,

nur günstiggute sind u. daß die Außentätigkeit auf

die Gesundheit u. den Geist der Leute äußerst

günstig einwirkt.

Der Staat kann also mit Hilfe dieser

Zwangskräfte Ländereien kultivieren u. diese zur

Ansiedlung von Kriegsverletzten u. zu der allgemein

beabsichtigten Wiederseßhaftmachung der Großstadtbe-

völkerung verwenden. Freie Arbeiter wird er zu

dieser … schwerlich bekommen. – Nebenbei erwähnt

würde sich dadurch die Torfproduktion, die ja bei

der kommenden Kohlennot infolge der Abgabe des

Saarreviers u. der Friedensvertragsverpflichtungen wichtig ist, eine

erhebliche sein wird, sehr heben u. auch mit ins

Gewicht fallen.

Es würde also dann jeder zu

einer längeren Freiheitsstrafe als 3 Monate verurteilte

Sträfling in das Heide- u. Moorgebiet deportiert.

Und zwar könnte man ja Lager verschiedener

Grade für zu Gefängniß- u. für zu Zuchthaus verurteilte

Verbrecher einrichten.

Eine weitere sehr humane u.

dem Allgemeinwohl nützliche Einrichtung würde

dann diejenige sein, daß man den Sträfling

nach verbüßter Strafe die Ansiedlungsmöglichkeit in

diesen Gebieten gibt, indem man ihm einige Morgen Land

auf 10 Jahre pachtfrei überläßt u. ihm Kapital zum

Hausbau hilft, evtl. im großen Stile angelegte

Kolonien für diese Zwecke zur Verfügung

stellt. Also das gleiche Entgegenkommen erweist,

wie man es den dort bereits angesiedelten

deutschrussischen Kriegsgefangenen bereitsgegebenzeigt hat.

Eine höhere Strafe als 10-jährige Zwangsarbeit dürfte

überhaupt nicht verhängt werden. Selbst bei

schweren Verbrechern könnte man nach fünfjähriger

ZwangsBeschäftigung in den Mooren den Versuch mit der

Ansiedelung unternehmen.

Man könnte dieses Thema ja noch viel erschöpfender

behandeln. Jedenfalls ist die Erfüllung dieser

erwähnten Forderungen der Deportation und der

Zwangsarbeit ein Weg zu einer wirklichen sozialen

u. humanen Lösung eines Problems, das im

alten monarchigen Staate nie gelöst werden

konnte, weil zahlreiche Kreise u. vor allem der

heilige Zentralismus sich dagegen wehrten.

Heute ist es eine Forderung der neuen Zeit

an die junge Republik.1

1GStA PK, Theosophische Gesellschaft, Karton 117, Bild 00013 bis 00017.

Kriegswirkungen auf das Volksempfinden

Anmerkung von Volker Lechler:
[Der nun folgende, im Original handschriftliche Aufsatz wurde, wie aus dem Zusammenhang zu entnehmen ist, von Eugen Grosche noch während des Ersten Weltkrieges verfasst. Die im Text kleiner geschriebenen Stellen sollen verdeutlichen, dass Grosche hier Korrekturen eingefügt hat. Ich habe den Satzumbruch bewusst so belassen, damit die Authentizität nicht verfälscht wird. Auf eine Besonderheit möchte ich hinweisen: Bei mehreren der Texte stellte Eugen Grosche einen „Dr.“ vor seinen Namen, obwohl er nicht promoviert hatte.]

Unbekannte Texte von Eugen Grosche

Kriegswirkungen auf das Volksempfinden

von

Dr. E. Grosche

kriegswirkung-scanEs ist eine unleugbare Tatsache, daß die lange

Dauer des Krieges auf das Gefühlsempfinden, auf das Innen-

leben des Volkes, einen immer mehr und mehr anwachsenden

Einfluß gewinnt. Und zwar ausschlaggebend nachteiligen Ein-

fluß. Es soll hier nicht von der so oft schon angeführten

Verrohung, dem Emporwuchern der bösartigen Naturinstinkte

im niederen Volke, die Rede sein, sondern es sei hier besonders

auf die gewaltig emporkommenden Handlungsweisen der

egoistischen Denkensart des heutigen Menschengeschlechtes hinge-

wiesen. Es scheint, als ob gleichsam die Tünche, welche Kultur

und Religion auf das Menschentum in Jahrhunderten legten,

abblättert durch die Schwere der Zeit, durch die physischen

und seelischen Lasten, die der Krieg auf jeden Einzelnen

legt. Der reine Egoismus kommt mehr und mehr zum

Vorschein. – Gewißermaßen ist ja sogar heutzutage der

Mensch gezwungen, in dem verschärften Lebens- u. Daseins-

kampfe egoistisch zu handeln, um überhaupt bestehen

zu können. So stehen wir hier oft in dieser Zeit vor

den krassesten Gegensätzen. Ein gewiß nicht geringer Teil

des deutschen Volkes opfert sich auf, um die Not und die

Schrecken des unseligen Krieges zu lindern, bringt die

größten persönlichen Opfer, aber der weitaus größere Teil

verfällt allmälig einer stumpfen Gleichgültigkeit. Abertausende

gibt es unter uns, die in dieser schweren Zeit nur an sich

und ihr Wohlergehen denken, nur für sich sorgen,

denen jedes Gemeinschaftsgefühl abhanden gekommen ist. Und

die Zahl derer mehrt sich täglich. Ein bitteres Erkennen,

aber leider, leider wahr.

Der Egoismus ist ja an und für sich ein

urwüchsiges Naturempfinden. Unsere Vorfahren in grauer Vorzeit,

auf der Stufe des Urmenschentums stehend, handelten sicher

rein egoistisch gleich den Tieren, kannten im Einzelfalle,

sowie es sich um Nahrungs-, Unterkunfts- und Geschlechtsfragen

handelte, gewiß keine Rücksicht auf Mitgeschöpfe, vom weiblichen

Muttergefühle abgesehen. Erst der später langsam sich entwickelnde

Herdentrieb und die beginnende Intelligenz der Menschen

führten zu gemeinsamen Schaffen, Sorgen und Genießen.

Das aufkeimende religiöse Empfinden, das Wirken der

Priesterschaft, brachte langsam durchgreifende Änderungen. Später

riefen die Lehren des Christentums mit dem Predigen der

Nächstenliebe, einen gewaltigen Aufschwung hervor, führten zur

Unterdrückung des rein persönlichen Empfindens in den einzelnen

Lebensfragen. Jetzt aber, wo jeder Kriegstag die Kirche Tausende

von Gläubigen kostet, bröckelt die mühsam erzogene Nächstenliebe

ab wie morscher Sandstein. Man braucht nur um sich zu schauen

mit offenen Augen. Das Hamsterunwesen in allen seinen Blüten

und Auswüchsen zeigt so recht den Egoismus, der die breiten

Massen jetzt beherrscht. Auf gefüllten Vorratskammern u. Kellern

sitzen die Einen, während die Meisten darben. Keiner öffnet

die Hand, um die Not der Mitmenschen zu lindern, obwohl er

es könnte. Tausende machen auch nicht einen Versuch zu helfen.

Jeder ist sich selbst der Nächste, ein altes Sprichwort, dessen

grausame Wahrheit sich jetzt so recht zeigt. Auf dem

Lande macht sich besonders diese kalte Engherzigkeit bemerkbar.

Dem Bauer, der im allgemeinen, seinem Empfinden,

seiner Erziehung nach, egoistisch denkt, erstarrt das Herz zu

Stein. Kalten Lächelns läßt er die Zitternden gehen, obwohl er

oft helfen könnte, ohne das Gesetz zu verletzen. Oder er fordert

Wucherpreise, die an Unverschämtheit grenzen.

Der Kleinhändler in Lebensmitteln und Bedarfs-

artikeln für das tägliche Leben, vor dem Kriege an sich im

Durchschnitt infolge des scharfen Konkurrenzkampfes sein Gewerbe

und Geschäft redlich betreibend, beutet jetzt seine Kundschaft

aus, rücksichtslos und scrubellos [sic!] nach bestem Wissen u. Können.

Man betrachte die Wucherpreise in den Großstädten.

Natürlich ist dieses hier Gesagte nicht zu verallge-

meinern, aber ein hoher Prozentsatz dieser Handels- und

Erzeugerkreise arbeitet heute nach diesen bewährten Motiven u.

Grundsätzen. Von dem gewissenlosen Denken u. Handeln der

eigentlichen Kriegswucherer und Kettenhändler sei hier garnicht die

Rede.

Aber auch in den breiten Schichten des Volkes

macht sich der Egoismus bemerkbar. Die Angestellten aller

Branchen, die dienenden Kreise, wissen ein Lied davon zu

singen. Die so sorgsam geschaffenen Bindungsglieder, welche die

verschiedenen Volksschichten zusammenfügten, mit einander

verbanden, deren Schaffung Jahrzehnte mühevoller Arbeit

kosteten, um das Volk zu einem Ganzen zu vereinen,

klaffen heute zerrissen auseinander. Arbeiterschaft, Bürger-

tum u. Bauernstand stehen sich im Existenzkampfe wieder in

der alten Schärfe gegenüber. Der Haß zwischen den Bewohnern

der Städte und des platten Landes ist tiefer als je. Früher

wurde der Bauer von dem Städter verachtet, jetzt haßt man

ihn, schon um des Überflußes Willen. Es wird den Führern

des Volkes viel, viel Mühe kosten, diese Tiefen wieder auszu-

gleichen, die Risse zu füllen und versöhnend zu wirken.

Auch der Neid blüht üppiger denn je in

diesen Tagen. Keiner gönnt dem Anderen den fetteren

Bissen Brot im Munde.

Die zunehmende Religionslosigkeit, der immer

mehr emporschießende Luxus der besitzenden Kreise, das sich

breit machende Protzentum der Emporkömmlinge schaffen un-

überbrückbare Gegensätze und bittere Feindschaften.

Sogar die durch die Kultur dem Volke aner-

zogenen Gesetze des Anstandes und der Höflichkeit beginnen zu

wanken. Die Rücksichtslosigkeit im Verkehrsleben, hervorgerufen,

gefördert durch die Verkehrsnot, zeigt oft krasseste Formen. Häufig

läßt man es sogar dem weiblichen Geschlechte gegenüber an der

nötigen Achtung und Rücksichtnahme fehlen. Durch das Eintreten

der Frauen in die männlichen Berufe, durch ihre öffentliche

Tätigkeit, durch die Gleichstellung mit dem Manne im täglichen

Lebenskampfe verwischen oft genug die Grenzen der Sittsam-

keit, in deren Innehaltung sich das deutsche Volk besonders von

jeher auszeichnete. Doch die Feinfühligkeit verlischt heutzutage

oft ganz. Also auch eine der nachteiligen, schwerwiegenden Wirkungen

auf das feinere Empfindungsleben des Volkes.

Alles dieses macht sich natürlich in fühlbarer,

erschreckender Weise bei unserer heranwachsenden Jugend bemerkbar.

Warnende Stimmen aus pädagogischen Kreisen ertönen ja fast

täglich alarmierend. Die Zucht der Väter fehlt.

Dann eines der schwärzesten Kapitel aus den

obengenannten Kriegswirkungen: Die zunehmende Sittenlosigkeit

des weiblichen Geschlechtes, nicht nur in den Großstädten. Man

schaue in die Spalten der Lokalpresse. Die Tausende der

Prostituierten der Städte rekrutieren sich jetzt aus manchen

Kreisen, die früher prozentual nur Wenige zu dieser Eiterbeule

der Menschheit beitrugen. Die Zahl der Ehebrüche von seiten

der Frauen, deren Männer draußen in den Gräben stehen,

steigt ungeheuer von Jahr zu Jahr. Das tiefe verfeinerte Liebes-

empfinden der Frauen wird oft genug ganz in den Schmutz gezogen. Der offensichtliche Flirt

in den überfüllten Caffeehäusern der großen Städte wirkt

erschreckend, wenn man an die Männer da draußen denkt.

So ist mit wenig Worten viel gesagt. Und

nur scheinbar mit den schwärzesten Farben gemalt. Es ist an

dem, manchmal übertrifft die Wirklichkeit noch das Gesagte.

Mag der Krieg auch manche Tugend des Volkes, manche edle

Blüte des Menschentums zum Entfalten gebracht haben, die

zu Tage tretenden Wirkungen auf das Innenleben der

breiten Massen sind schwer genug, um uns mit Sorgen in die

Zukunft blicken zu lassen. Sagen doch sogar juristische Autoritäten

voraus, daß nach dem Kriege die Justiz alle Hände voll

zu tun bekommen wird. Die Zahl der Totschläge, Morde u.

Rohheitsdelikte wird emporschnellen, hervorgerufen durch das grausame

blutige Handwerk der Männer an den Fronten, durch die

Unterdrückung des menschlichen Mitleides, gezeitigt durch die

erbittert geführten Kämpfe. Die Brutalität, der Zorn wird oft

genug ein Menschenleben nicht mehr achten. Und diese Befürchtungen

sind gewiß nicht ganz unberechtigt.

So öffnen neue Sorgen einer idealen Tätigkeit

breite Arbeitsfelder. Jahre werden vergehen, ehe die Wunden im

Gefühlsempfinden des Volkes vernarben werden. Möge es gelingen,

diese schädlichen Naturinstinkte wieder einzudämmen in die

Schranken der Kultur, der Zivilisation, und den geistigen

Aufschwung des Innenlebens des Volkes wieder zu fördern in alter Weise,

im gleichen Fortschritte, wie vor dem Kriege.